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Die Anderen

(Streit-)Schriften vom Küchentisch // Polemics from the kitchen table

Mit einer guten Freundin diskutierte ich neulich die Frage „Wie viele Andere verträgt die deutsche Gesellschaft?“ Klingt erstmal krass, aber es ist eine Frage, die derzeit häufig gestellt wird. Nun möchte ich einen Artikel dazu schreiben. Doch ich stocke. Zu viele Unbekannte. Gesellschaft, deutsch, was bedeuten diese Begriffe für mich?

Die Fahrt

Der Bus fährt von der Autobahn. An der Zufahrt zum Rastplatz steht ein großes, weißes Schild: “Schutt abladen verboten. Halten Sie den Rastplatz sauber.” Deutschland. Autobahnen, Sauberkeit, Ordnung. Hier funktionieren Dinge noch.

An der Raststelle gibt es einen McDonald‘s. Ich trinke Cappuccino und überlege, was an Deutschland eigentlich anders ist als an Amerika. Vielleicht die Dimensionen? Ich versuche mich zu erinnern, was ich mag an diesem, “meinem” Land. Bodenständigkeit kommt mir in den Sinn, Pragmatismus, Direktheit. Und dann sind da noch die Philosophen. Auf sie weisen mich meine Freunde aus “dem Ausland” hin, wenn ich ihnen sage, dass ich nicht stolz bin Deutsche zu sein. Deutsche Philosophen sollen unser Denken, unsere Welt verändert haben. Aber ich kenne ihre Texte kaum und auch sonst weiß ich (zu) wenig über sie.

Zurück zu meiner vorherigen Überlegung. Warum bin ich nicht euphorisch Deutsche zu sein? Meine Freunde haben Verständnis für meine Zurückhaltung. Schließlich haben “wir” eine schwierige Vergangenheit. Aber das ist es nicht – eher im Gegenteil: Die Art und Weise wie die Verbrechen des Nationalsozialismus aufgearbeitet wurden und der Umgang mit der Frage nach der Verantwortung, die Deutschland auch heute noch dafür trägt, sind Dinge, die ich tatsächlich schätze an diesem Land.

Ich bin nicht stolz, weil ich an vielem, was Deutschland in den letzten Jahrzehnten hervorgebracht hat, nichts Gutes finde kann: Autos, Discounter, Waffen, Hartz IV, eine immer industrieller werdende Landwirtschaft. Sicher, da ist auch die Energiewende, Klimaschutzprogramme, Mülltrennung. Aber selbst diese Begriffe hinterlassen einen fahlen Nachgeschmack. Ich denke an Windparks, an E-Autos und an Mülltonnen. Wo bleibt die Schönheit? Die Kunst? Wo sind die Menschen, das Miteinander, die Begegnung?

Ist unsere Gesellschaft in Gefahr? Ich denke ja. Aber die Gründe dafür liegen nicht bei den Menschen, die zu uns kommen. Die Gefahr geht von prekären Arbeitsverhältnissen, ökonomischen Abhängigkeiten und einer zunehmenden Individualisierung aus. Soll heißen: Wir sind angestrengt von unseren Chefs, Professoren, Kunden und wollen über die wenige Zeit, die uns bleibt, frei verfügen. Wir ziehen uns in unsere Singlewohnung, in unsere Beziehung oder in die Kleinfamilie zurück und wollen nichts mehr wissen von der Welt da draußen. Wir schotten uns ab, weil wir uns abschotten müssen. Weil wir sonst nicht mehr klar kommen. Und so vergessen wir zunehmend, wie schön ein Zusammen-Leben ist. Wir vergessen, dass es anders sein könnte. Weniger anstrengend, weniger gestresst, weniger einsam.

Es gibt Dinge, die ich mag an Deutschland. Aber es gibt auch vieles, das ich vermisse. Ich würde ein bisschen mehr Chaos und Unordnung gern in Kauf nehmen für mehr Miteinander, mehr Humor und mehr Gelassenheit. Und deshalb freue ich mich über Menschen aus Ländern, in denen Fremde auf der Straße miteinander ins Gespräch kommen, in denen man sich auf dem Markt Geschichten erzählt und in denen man auf der Autobahn stehen bleiben kann, um Obst und Gemüse zu kaufen.

Die Ankunft

Der Bus nähert sich seinem Ziel. Wir sind pünktlich. Die Reise über Deutschlands Autobahnen hat vieles in mir ausgelöst, über das ich weiter diskutieren und nachdenken möchte. Eine Antwort auf die Frage, wie viele Andere unsere Gesellschaft verträgt, habe ich nicht. Aber gibt es eine? Ich bezweifle es. Es kommt darauf an, was für eine Gesellschaft wir möchten. Aber vor allem glaube ich, dass es nicht die entscheidende Frage ist. Denn die Anderen sind längst nicht mehr (nur) Menschen anderer Hautfarbe, es sind unsere Nachbarn, unsere Kollegen, Politiker und Journalisten. Die deutsche Gesellschaft ist bereits gespalten. Wenn wir diesen Prozess aufhalten wollen, müssen wir diskutieren, was für ein (Zusammen-)Leben wir uns wünschen und was uns daran hindert dieses zu verwirklichen. Und wir werden feststellen: Es sind nicht die Anderen. Es sind politische Entscheidungen, die lange vor dem Krieg in Syrien und der Ankunft von geflüchteten Menschen getroffen wurden. Es sind Arbeitsverträge, Versicherungen und Hauseigentümer, die uns Sorge bereiten. Die Frage, die wir und unserer Politiker sich derzeit stellen müssten, ist folglich: Wie viel Abhängigkeit, wie viel Armut, wie viel Einsamkeit und Frustration verträgt unsere Gesellschaft – vertragen wir? Und ich denke: Nicht mehr viel.


Wir sind die Richtigen!

Streitschriften vom Küchentisch // Polemics from the kitchen table

Wir wollen eine Gesellschaft, in der jeder nach seinen Bedürfnissen leben kann. Was würde das im Idealfall bedeuten? Dass die, die schreiben will, schreibt. Der, der Kinder erziehen will, das tut – und beide tauschen können, wenn die Kinder zu laut oder der Schreibtisch zu einsam werden.

Wir wollen eine Welt, in der Menschen wertgeschätzt werden. Die Studierten, die Handwerker, die Künstler, die Väter und Mütter. Die, die ihr Leben lang in ihrem Dorf bleiben (weil sie einfach gern dort leben) und die, die ihre Städte verlassen (weil sie müssen oder wollen) und neu zu und stoßen.

Wir wollen eine Gesellschaft, in der Menschen zufrieden sind und Dinge tun, die ihnen Freude bereiten. Warum? Weil wir selbst zufrieden sein wollen. Aber auch, weil wir der Meinung sind, dass sich Gutes, Schönes, Spannendes nur dann entwickelt, wenn man Spaß und Interesse an einer Sache hat.

Doch wie kann eine solche Gesellschaft entstehen? Nur, wenn wir sie selbst leben. Der erste Schritt wird sein sich seiner eigenen Bedürfnisse bewusst zu werden und nach ihnen zu handeln. Wir dürfen uns nicht nach bekannten Schemata bemessen, sondern müssen uns trauen eigene Wege zu gehen.

Denn wie wollen für das Recht auf ein freies und selbstbestimmtes Leben eintreten, wenn wir uns selbst dieses Recht nicht zusprechen? Wie wollen wir andere Vorstellungen und Herangehensweisen wertschätzen, wenn wir unsere eigenen an fremden Kriterien ausrichten? Wie wollen wir glaubwürdig sein, wenn wir nicht an uns selbst glauben?

Im Open Space-Format gibt es die Regel „Die, die da sind, sind die Richtigen“. Gemeint ist häufig: Du hast einen Input vorbereitet und es kommen statt der erwarteten 20 Interessierten nur einer, der dein Thema falsch verstanden hat. Egal. Dann diskutierst du eben mit ihm über das, was euch beide bewegt – und es wird etwas Neues entstehen.

Wir müssen uns verabschieden – vom “Genügen”, vom “Können” und vom Ideal der Erfahrung. Tucholsky hat einmal gesagt: Erfahrung heißt gar nichts – man kann eine Sache auch 35 Jahre schlecht machen. Und er hat Recht! Werden Politiker in ihrer zweiten Amtszeit klüger? Waren die alten Lehrer an unseren Schulen die bessern? Nein. Es waren die, die Freude am Unterrichten hatten und mutig genug waren, um sich über die Grenzen der Lehrpläne hinwegzusetzen.

Versteht mich nicht falsch. Es ist gut an einer Sache zu arbeiten, sich Wissen anzueignen und es stets gut und besser machen zu wollen. Es ist auch wichtig andere zu bewundern und auf ihren Erfahrungen aufzubauen. Aber wir dürfen uns nicht verstecken hinter ihnen. Wir dürfen nicht warten, bis wir sprechen, schreiben und denken wie sie, bevor wir uns zu Wort melden.

Wir müssen uns mit unseren eigenen Stärken und Schwächen respektieren und uns zutrauen die (Um-)Welt, in der wir leben, aktiv mitzugestalten. Das funktioniert nur, wenn wir teilnehmen, wenn wir mit unseren Ideen an die Öffentlichkeit gehen, wenn wir selbst Hand anlegen. Und ja, wir werden Dinge anders machen – vielleicht chaotischer, vielleicht organisierter, mit mehr oder mit weniger Aufwand, in Kooperation mit Anderen oder alleine. Aber so, wie wir es machen, wird es richtig sein. Weil wir ein Teil dieser Gesellschaft sind. Weil WIR die Gesellschaft sind.


Sensationell!

By blu-news.org [CC BY-SA 2.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0)], via Wikimedia Commons

Die Zeit-Online veröffentlicht erst mit großer Verspätung die Nachricht, von der wir schon lange gesprochen haben!! ;-)

Ich werde es keinenfalls leugnen: Ich liebe die Demokratie. Ich habe immer sehr gemocht mit meiner Mama zum Wahllokal zu laufen. Besonders gerne mag ich den Zettel in die Wahlurne fallen zu lassen und Weh den Wahlhelfer_innen, die mir dabei zu helfen versuchen! All das trotz der vermutlichen Ergebnisse. Denn das Recht bei den gemeinsamen Entscheidungen mitzumachen, ist für mich eng verbunden mit einem Prozess, welcher den Menschen Würde, Freiheit und Gleichheit gegeben hat, mit der Hoffnung, dass dieser Prozess weiter fortschreiten wird. Nach diesem Glaubensbekenntnis möchte ich mir trotzdem vornehmen für die Demokratie nicht ideologisch, sondern pragmatisch zu argumentieren.

Ich möchte hier nicht das spezifische Thema bundesweiter Referenda betrachten, sondern genereller fortfahren. Die Frage lautet ungefähr so: ist es nicht gefährlich die demokratischen Vorrechte auszuweiten, wenn die Wähler sich oft sehr ignorant (jemand bevorzugt: dumm) und manipulierbar zeigen? (Aber wissen wir wirklich wie die Gesellschaft aussieht? Ist es nicht so, dass wir uns auf unsere persönlichen Erfahrung eher als auf Daten beziehen, wenn wir über unsere Gesellschaft reden?)

Diese ist aber nicht die einzige Form von Skepsis der Demokratie gegenüber. Es gibt auch die, die sagen, dass sie zu ineffizient und verwickelt für die Gegenwart ist. Andere sagen sogar, dass es gar keine wirkliche Demokratie gibt. Ich halte diese Argumente für instrumentalisierend, aber ich glaube gleichzeitig, sie liegen nicht völlig falsch. Dazu werde ich später mehr sagen, aber erstmals möchte ich mich auf eine meiner Sorgen konzentrieren. Ich fürchte die demokratische Schüchternheit derer, die sich von der Unverantwortlichkeit “des Volks” beängstigen lassen. Meiner Meinung nach liefern sie Argumente den Demokratiefeinden, die eigentlich autoritäre Lösungen befürworten (z.B. wenn es keine Demokratie gäbe, wäre niemand dazu legitimiert, autoritäre Führungsstile zu kritisieren; und eigentlich – so lauten solche Argumente – könnten Führungsfiguren den Willen des Volks, der das parlamentarische Verfahren verzerrt, transparenter vertreten).

Gleichzeitig frage ich mich, ob eine Ausweitung der Demokratie (im Rahmen eines Grundgesetzes, das die fundamentalen Rechte garantiert) nicht eigentlich notwendig wäre, um undemokratische Entwicklungen zu verhindern. Infolge der Globalisierung geschiet es, dass die Machtzentren sich immer weiter von den Bürgern entfernen. Doch das ist zum Teil unvermeidbar, weil globale Phänomene wie z.B. der Klimawandel nicht nur auf der lokalen Ebene beantwortet werden können. Die Nebenwirkungen dieser Entwicklung jedoch sind, dass es immer schwieriger für die Bürger wird, demokratische Kontrolle auszuüben. Immer machtvollere wirtschaftliche Akteure, die nicht demokratisch handeln, können die Politik unsere Länder stark beeinflussen, sowohl direkt als auch durch das Wirken verschiedener Lobbys. Darüber hinaus darf das Risiko einer angeblich nur neutralen Technokratie nicht unterschätzt werden. In Anbetracht dessen braucht man die Eröffnung neuer demokratischer Kanäle, die den Bürgern die Kontrolle in der neuen globalisierten Lage gewährleisten und den Politikern helfen, den Kontakt zur Realität nicht zu verlieren.

Außerdem kann man sich vorstellen, dass die Gelegenheit zu mehr Mitsprache die Leute verantwortlicher machen würde. Wenn wir bei einem Projekt mitmachen, sind wir interessierter an dessen Gelingen. Genauso wenn die Bürger die Öffentlichkeit auch als Eigenes betrachten würden, würden sie sich mehr engagieren, um eine erstrebenswertere Öffentlichkeit zu gestalten. Im Gegensatz dazu, je weniger man mitmachen darf, desto weniger nimmt man als Eigenes wahr und schätzt, was öffentlich ist. Und meiner Ansicht nach können viele der größten Probleme der Menschheit nur eine zufriedenstellende Lösung finden, wenn sich die Bürger jeden Landes mitverantwortlich fühlen.

Es stimmt schon: Die Demokratie hat viele Grenzen. Häufig bevorteilen die demokratischen Prozesse nicht die ideale Lösung, sondern die faszinierendste. Aber vielleicht hängt es nicht so sehr von den demokratischen Grundsätzen ab, sondern von der wettbewerblichen Kultur, die die Demokratien beinhalten. Die Demokratie wird nähmlich wie ein Nullsummenspiel wahrgenommen. Um ein solches Spiel zu gewinnen, produzieren die Medien oft mehr Propaganda als Information, die Politiker_innen widmen sich mehr den Gefühlen als der Vernunft der Bürger. In diesem Sinn trägt die “traditionelle” Politik selbst eine ernsthafte Verantwortung für die populistischen auf vereinfachten Weltanschauungen basierten Wellen, die ihr gerade drohen.

Aber was wäre, wenn die Demokratie als einen Raum aufgefasst werden würde, in dem gemeinsame Wege gesucht werden, die sich besser als die ursprünglichen Positionen der Einzelnen zeigen müssten? Was wäre, wenn die Förderung einer humanistichen Kultur der Mitverantwortung und der Kritikfähigkeit gemeinsame und selbstverständliche Voraussetzung aller politischen Lager werden würde? Vielleicht ist es einfach utopisch. Aber ich stelle mir vor, wenn das passieren würde, würden Demokratien Räume werden, in denen die intelligentesten, menschlichsten, gewaltlosesten Entscheidungen ausgewählt werden würden.


Das Staffelspiel

Автор: Bundesarchiv, Bild 183-41708-0008 / Wendorf; Wlocka / CC-BY-SA 3.0, CC BY-SA 3.0 de, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=5665376

Anna und ich haben heute mit einer Kindergruppe von Achtjährigen gearbeitet. Sie waren ziemlich lebhaft, aber insgesamt gut erzogen und wir haben mit ihnen einige Bouldervorbereitungsspiele gemacht. Das letzte Spiel stellte ein Staffelspiel dar, währendessen zwei Teams wetteiferten, um die meisten Karten von einem Stapel am Gipfel der Kletterwand zu sammeln. Plötzlich wurden viele der Kinder zu Hooligans, die sich die Lunge aus dem Hals schrien, um die Mannschaftskameraden anzufeuern. Dagegen wurden die langsamsten unter den Kindern stigmatisiert und dann die Mitglieder der Verlierermannschaft ein bisschen verspottet. Im Grunde ist nichts schlimmes passiert, aber es beeindruckt mich sehr, wie tief der Wettbewerbgrundsatz schon von so kleinen Wesen verinnerlicht wurde. Damit will ich nicht die Wettbewerbe verteufeln: Bestimmt können sie in verschiedenen Zusammenhängen nützlich sein. Jedoch frage ich mich inwiefern diese so durchdringende und frühzeitige Verinnerlichung der Konkurrenz Schaden verursachen kann, den langfristig die ganze Gesellschaft bezahlen muss. Zum Beispiel wie die Frustration dadurch geschürt wird, denn wir neigen dazu, uns immer und zwangsneurotisch mit den anderen zu vergleichen. Oder ob diese Verinnerlichung vielleicht etwas mit der verbreiteten Neigung zu tun hat, unsere Mitmenschen als Konkurrenten, wenn nicht als Gegner, aufzufassen. Ich hoffe, dass es nicht pathetisch klingt, aber wir denken gerade darüber nach, die Spielregeln zu verändern: das nächste Mal laufen alle zusammen gegen die Zeit. Sie sollte wahrscheinlich von niemandem verspottet werden.


Die Lilien die sich nicht mühen und nicht spinnen

In einem Kapitel von Benediction, ein schöner Roman von Kent Haruf, werden Teile der Bergpredigt gelesen. Deswegen bekam ich Lust den ganzen Sermon wieder zu lesen. Als ich die Passage las, die lautet: “Schaut die Lilien auf dem Feld an, wie sie wachsen: sie arbeiten nicht, auch spinnen sie nicht. Ich sage euch, dass auch Salomo in aller seiner Herrlichkeit nicht gekleidet gewesen ist wie eine von ihnen”, ging mir ein Licht auf. Hinter diesem Bild stand eine Entdeckung, die ich in der Vergangenheit gemacht hatte und jetzt wiederfinden wollte. Ich musste eine ganze Weile darüber nachdenken, bevor ich mich erinnern konnte. Es handelte sich um die Gedanken, die der Lesung dieses Artikels folgten. Der Autor des Artikels, Peter Kammerer, zitiert folgendes, bewegendes Fragment aus Keynes:

Ich sehe also für uns die Freiheit, zu einigen der sichersten und gewissesten Grundsätze der Religion und herkömmlichen Tugend zurückzukehren: das Geiz ein Laster ist, das Verlangen von Wucherzinsen ein Vergehen, die Liebe zum Geld verächtlich, und dass diejenigen, die sich am wenigsten um den Morgen sorgen, am wahrsten in den Pfaden der Tugend und maßvoller Weisheit wandeln. Wir werden die Zwecke wieder höher werten als die Mittel und werden das Gute dem Nützlichen vorziehen. Wir werden wieder diejenigen ehren, die uns lehren, wie der Stunde und dem Tag tugendhaft und gut gerecht zu werden, jene köstlichen Menschen, die zu einem unmittelbaren Genuss der Dinge fähig sind, die Lilien des Feldes, die sich nicht mühen und die nicht spinnen”.

Ich finde die Macht dieser Worte ausgezeichnet, sie lösen eine Lawine angenehmer Bilder in mir aus. Die Freiheit den Sachen einen Wert zuzuschreiben, die keinen materiellen Vorteil mitbringen: beispielsweise dem Duft der Minze, einem witzigen Akzent, den Lichtern des Sonnenuntergangs. Denn, wenn nur wichtig wäre, was uns dick oder sicherer werden lässt, gäbe es nicht etwas verzweifelt selbstverständliches in unseren Leben? Und ist es nicht dank dieser Freiheit, dass wir es schaffen den drückendsten Imperativen des do ut des Logiks auch im Feld menschlicher Beziehungen zu entfliehen (und damit Subjekte zu werden)? Der Zweifel, dass zwischen den Lilien des Feldes viel Bedeutung steckt, kitzelt mich sanft. Vielleicht soviel Bedeutung, dass, auch wenn das Feld sich nur als eine infinitesimale Insel oder ein sehr kurzer Zufall in der Geschichte des Universums erweisen sollte, es trotzdem gut gehen würde.