Wir sind die Richtigen!

Streitschriften vom Küchentisch // Polemics from the kitchen table

Wir wollen eine Gesellschaft, in der jeder nach seinen Bedürfnissen leben kann. Was würde das im Idealfall bedeuten? Dass die, die schreiben will, schreibt. Der, der Kinder erziehen will, das tut – und beide tauschen können, wenn die Kinder zu laut oder der Schreibtisch zu einsam werden.

Wir wollen eine Welt, in der Menschen wertgeschätzt werden. Die Studierten, die Handwerker, die Künstler, die Väter und Mütter. Die, die ihr Leben lang in ihrem Dorf bleiben (weil sie einfach gern dort leben) und die, die ihre Städte verlassen (weil sie müssen oder wollen) und neu zu und stoßen.

Wir wollen eine Gesellschaft, in der Menschen zufrieden sind und Dinge tun, die ihnen Freude bereiten. Warum? Weil wir selbst zufrieden sein wollen. Aber auch, weil wir der Meinung sind, dass sich Gutes, Schönes, Spannendes nur dann entwickelt, wenn man Spaß und Interesse an einer Sache hat.

Doch wie kann eine solche Gesellschaft entstehen? Nur, wenn wir sie selbst leben. Der erste Schritt wird sein sich seiner eigenen Bedürfnisse bewusst zu werden und nach ihnen zu handeln. Wir dürfen uns nicht nach bekannten Schemata bemessen, sondern müssen uns trauen eigene Wege zu gehen.

Denn wie wollen für das Recht auf ein freies und selbstbestimmtes Leben eintreten, wenn wir uns selbst dieses Recht nicht zusprechen? Wie wollen wir andere Vorstellungen und Herangehensweisen wertschätzen, wenn wir unsere eigenen an fremden Kriterien ausrichten? Wie wollen wir glaubwürdig sein, wenn wir nicht an uns selbst glauben?

Im Open Space-Format gibt es die Regel „Die, die da sind, sind die Richtigen“. Gemeint ist häufig: Du hast einen Input vorbereitet und es kommen statt der erwarteten 20 Interessierten nur einer, der dein Thema falsch verstanden hat. Egal. Dann diskutierst du eben mit ihm über das, was euch beide bewegt – und es wird etwas Neues entstehen.

Wir müssen uns verabschieden – vom “Genügen”, vom “Können” und vom Ideal der Erfahrung. Tucholsky hat einmal gesagt: Erfahrung heißt gar nichts – man kann eine Sache auch 35 Jahre schlecht machen. Und er hat Recht! Werden Politiker in ihrer zweiten Amtszeit klüger? Waren die alten Lehrer an unseren Schulen die bessern? Nein. Es waren die, die Freude am Unterrichten hatten und mutig genug waren, um sich über die Grenzen der Lehrpläne hinwegzusetzen.

Versteht mich nicht falsch. Es ist gut an einer Sache zu arbeiten, sich Wissen anzueignen und es stets gut und besser machen zu wollen. Es ist auch wichtig andere zu bewundern und auf ihren Erfahrungen aufzubauen. Aber wir dürfen uns nicht verstecken hinter ihnen. Wir dürfen nicht warten, bis wir sprechen, schreiben und denken wie sie, bevor wir uns zu Wort melden.

Wir müssen uns mit unseren eigenen Stärken und Schwächen respektieren und uns zutrauen die (Um-)Welt, in der wir leben, aktiv mitzugestalten. Das funktioniert nur, wenn wir teilnehmen, wenn wir mit unseren Ideen an die Öffentlichkeit gehen, wenn wir selbst Hand anlegen. Und ja, wir werden Dinge anders machen – vielleicht chaotischer, vielleicht organisierter, mit mehr oder mit weniger Aufwand, in Kooperation mit Anderen oder alleine. Aber so, wie wir es machen, wird es richtig sein. Weil wir ein Teil dieser Gesellschaft sind. Weil WIR die Gesellschaft sind.


Comments are disabled.