
Romantischer Blick aus dem Küchenfenster: die Werbetafel.
Streitschriften vom Küchentisch // Polemics from the kitchen table
Die Werbetafel vor unserem Küchenfenster zeigt zwei große Bananen. Auf einer davon klebt ein Fairtrade-Logo, die andere ist einfach nur gelb. Darüber stehen die beiden Sätze „Schnäppchen machen“ und „Welt verändern“. Soll heißen: Wenn du was Gutes tun willst, musst du tiefer in die Tasche greifen? Ich finde das nicht den richtigen Ansatz. Nachhaltiger Konsum sollte nicht dadurch definiert werden, dass man mehr Geld ausgibt. Man kann ja auch einfach keine Bananen essen, oder weniger. Meine WG ist trotzdem glücklich. Endlich kein FDP-Politiker mehr, der aussieht wie aus einem Modekatalog und „digital first“ propagiert. Da sind Bananen doch deutlich besser.
Ich muss dennoch an die FDP denken, wenn ich aus dem Fenster gucke. In meiner Wohnung habe ich mit einigen positiven Aussagen über ihr Wahlprogramm vor der Bundestagswahl Besorgnis ausgelöst. Zurecht. Die (neo-)liberale Politik steht für freien Wettbewerb und Privatisierung, für den „flexiblen Arbeitsmarkt“ und die Kürzung von Sozialausgaben. Wo konnte ich mich in diesem Programm (ich habe es zugegebenermaßen nur in leichter Sprache gelesen – anders ertrage ich Wahlprogramme nicht) wiederfinden? Es war vor allem die Forderung nach einer sogenannten “Verantwortungsgemeinschaft”, die mein Interesse weckte: Eine Gruppe nicht-verwandter Personen, die Verantwortung füreinander übernehmen und damit ähnliche Rechte und Pflichten haben wie eine Familie. Cool. Das könnte mir und meinen Freunden Vieles erleichtern: Mit einem Partner familienversichert sein? Als WG in eine Wohnungsbaugenossenschaft eintreten? Oder sich als ein „Haushalt“ für einen Schrebergarten bewerben? Warum nicht, wenn wir eine Kasse haben, uns Wohnraum teilen und ja – zusammen leben möchten!
Ich habe mir auch die Parteiprogramme der Linken und Grünen durchgelesen und finde viele ihrer Forderungen gut und wichtig. Ich bin für Klimaschutz, Bildungsgerechtigkeit, bezahlbaren Wohnraum, bla… Hier sind wir beim Problem: Ich glaube nicht (mehr) daran, dass sich in diesen Dingen wirklich grundlegend etwas ändern wird. Egal mit welcher Partei in der Regierung. Ich kann mir eine Realität ohne das HartzIV-Regime und steigende Mieten einfach nicht mehr vorstellen.
Ist sie das, die Politikverdrossenheit? Werde ich „radikal“? Oder hänge ich – wie es ein SPDler im Radio neulich formulierte – linken Träumereien nach? Ich bin kein Ökonom, keine Juristin, keine Politikerin. Keine Ahnung, welche Folgen es hätte allen Menschen in Deutschland monatlich einige hundert Euro Grundsicherung zu zahlen. Und wie wir den Wohnungsmarkt verändern sollen. Eigentlich glaube ich, dass diese Fragen niemand abschließend beantworten kann. Vielleicht bin ich deshalb generell eher gegen Revolutionen: Ich finde das Risiko zu groß, dass man dabei eine Gruppe, eine Pflanze, ein Molekül vergisst und mehr Schaden anrichtet als Gutes tut.
Lindner wird die Welt nicht verändern, so viel ist klar. Die fairtrade-Banane wohl leider auch nicht. Soziale und ökologische Probleme sind vielschichtig, ihre Lösung braucht Zeit. Generelle politische Forderungen à la „Gegen HartzIV und Kinderarmt“ oder „Wohnen darf kein Luxus werden“ müssen trotzdem gestellt werden, das sehe ich ein. Sonst verlieren wir hier alle noch die Orientierung (und wählen die FDP!). Aber wenn ich in Zukunft noch einer der etablierten Parteien meine Stimme geben soll, brauche ich von ihnen mehr als poppige Farben und irritierende Wortwitze. Ich brauche inspirierende Ideen, die in mir Bilder von einer anderen Welt auslösen, in der ich ein anderes Leben führen kann. Ob sich dann auch etwas ändern würde? Keine Ahnung. Aber es würde mein Interesse für Politik stärken und mir wieder Hoffnung geben, dass es bei einer Wahl um mehr gehen kann als darum, das Schlimmste zu verhindern.